Die Königliche Hausbibliothek im Berliner Schloss

von Sabine Hahn (Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Leiterin der Bibliothek)

 

Charles Duvinage, Bibliothekar König Friedrich Wilhelms IV. seit 1842, hatte sich nach dessen Tode 1861 mit dem Vorschlag, eine Hohenzollernsche Hausbibliothek zu gründen, an König Wilhelm I. gewandt. Dieser erließ am 20. September 1862 eine Kabinettsorder und erklärte zunächst nur den Bestand der Bibliothek Friedrich Wilhelms IV. (knapp 20.000 Bände) zum Grundstock der neuen Königlichen Hausbibliothek. Die vorhandenen Bibliotheken der anderen früheren preußischen Herrscher sollten hingegen an ihren angestammten Plätzen in den Schlössern verbleiben. Die Bibliothek, deren Betreuung Duvinage übertragen wurde, erhielt die Räume der ehemaligen Kunstkammer im dritten Stock des Berliner Schlosses über den Paradekammern im Lustgartenflügel zugewiesen. Diese Räume waren nicht beheizbar.

Der Spreeflügel des Berliner Schlosses mit der dreigeschossigen Verbindungsgalerie. Im erstem Stock befand sich ein Teil der Räume der Hausbibliothek. Quelle: SPSG
Der Spreeflügel des Berliner Schlosses mit der dreigeschossigen Verbindungsgalerie. Im erstem Stock befand sich ein Teil der Räume der Hausbibliothek. Quelle: SPSG

 
 
Die Hausbibliothek mit den Büchern Friedrich Wilhelms IV. im ersten Stock der Verbindungsgalerie. Quelle: SPSG
Die Hausbibliothek mit den Büchern Friedrich Wilhelms IV. im ersten Stock der Verbindungsgalerie. Quelle: SPSG

 
 
Dr. Bogdan Krieger (1863–1931). Quelle: Sabine Hahn
Dr. Bogdan Krieger (1863–1931). Quelle: Sabine Hahn

Auf Drängen Robert Dohmes (d.J., 1845–1893), Nachfolger von Duvinage ab 1871, wurde die Königliche Hausbibliothek 1874 in das erste Stockwerk des Spreeflügels in die Räume unter der Braunschweigischen Galerie verlegt (Räume 625–630). Die angrenzenden Räume 636 und 637 wurden 1888 von Kaiser Friedrich dem nächsten Bibliothekar, Dr. Walter Robert-tornow (1852–1895), mit Dienstantritt als Wohnung zugeteilt. Diese beiden und die Räume 652 und 653 erweiterten erst 1923 die beengten Räumlichkeiten der Bibliothek.

Den ersten Bestandszuwachs erhielt die Hausbibliothek schon kurz nach ihrer Gründung 1862/63 durch Überweisung der Musikalien aus dem Besitz Friedrichs des Großen und Friedrich Wilhelms II. aus Schloss Sanssouci und dem Neuen Palais. Dazu kamen 1865 die Bibliothek der Königin Luise, dann die Bibliothek Friedrich Wilhelms III. aus dem ehemaligen Königlichen Palais (Kronprinzenpalais), 1869 die Bestände der Bibliothek Friedrich Wilhelms II. aus dem Berliner Schloss, 1873 die Aquarellsammlung Friedrich Wilhelms IV. und der Königin Elisabeth, 1874 schließlich auch Bücher aus dem Nachlass der Königin Elisabeth. Außerdem wuchs der Bestand durch regelmäßige Buchzuweisungen Wilhelms I. und des Kronprinzen. 1895 starb Walter Robert-tornow, und Bogdan Krieger (1863–1931), Hilfsarbeiter in der Hausbibliothek seit 1888, übernahm die Leitung.

Nun wurden die Bibliotheken Friedrichs des Großen, die in den Schlössern Sanssouci, Neues Palais, Potsdam und Breslau aufbewahrt wurden, der Verwaltung der Hausbibliothek unterstellt. Ferner kamen hinzu: 1897 die Bücher Friedrich Wilhelms II. aus der Gotischen Bibliothek im Neuen Garten in Potsdam (ca. 1.000 Bände), 1899 die friderizianische Sammlung aus Schloss Monbijou (ca. 850 Bände), 1900 2.000 Bände aus der Oberhofmarschallbibliothek und 5.000 Bände aus dem Nachlass Kaiser Friedrichs. 1906 wurden einige der in sich geschlossenen Bibliotheken der vormaligen Könige aus Platzmangel in den Neuen Pavillon im Schlosspark Charlottenburg verlegt. Dort waren die Lagerbedingungen aber so schlecht, dass die Bücher 1923 wieder in die jetzt um einige Räume erweiterte Hausbibliothek zurückgeholt wurden.

Seit 1902 sind regelmäßige Öffnungszeiten in Bibliotheksverzeichnissen zu finden, vormittags für drei bis fünf Stunden, leicht wechselnd. Leider ist bisher über Nutzungsmodalitäten wenig bekannt. „Der Zutritt zur Königlichen Hausbibliothek steht jedem Gebildeten frei. […] Im Übrigen dient sie dem Lesebedürfnis der Majestäten und der Mitglieder des Königlichen Hauses, der obersten Hofchargen und des Beamten- und Dienstpersonals des Kaiserlichen Hofstaats.“

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs richtete die Königliche Hausbibliothek in der Behrenstraße 41 eine Büchersammelstelle für Feld- und Lazarettbibliotheken ein. Auch nach dem Krieg blieb die Hausbibliothek bestehen und wurde 1927 der im selben Jahr gegründeten Schlösserverwaltung unter der neuen Bezeichnung Schloßbibliothek zugeordnet. Nach Kriegers Pensionierung 1929 folgten als Kustoden Hans Huth bis 1934 und Heinz Ladendorf bis 1945.

Die Schlossbibliothek trug das Sigel B 216 und hatte die Adresse „C 2, Schloß“. Sie war für die wissenschaftliche Benutzung wochentags von 9 bis 14 Uhr geöffnet und hatte 1937 einen Bestand von ca. 71.000 Bänden. Dazu gehörten außerdem noch Sondersammlungen von 1.600 Landkarten, 4.500 Blatt Zeichnungen, 5.500 Blatt Reproduktionen und 7.850 Nummern Musikalien. Die Zeichnungen und Reproduktionen firmierten unter dem Namen Aquarell-Sammlung.

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs lagerten die Bücher der Schlossbibliothek in Kisten verpackt in den Schlosskellern. Nach der Bombardierung des Berliner Schlosses wurden die Bestände der Schlossbibliothek im Frühjahr 1945 in das Schloss Sanssouci und die nahegelegene Orangerie verlagert. Bereits Ende September 1945 war die gesamte Bibliothek des Berliner Schlosses von der sowjetischen Besatzungsmacht abtransportiert und an die Staatliche Leninbibliothek (heute Russische Staatsbibliothek) übergeben worden. Danach wurden die Bücher offensichtlich sofort an viele verschiedene Bibliotheken weiterverteilt, bearbeitet und in die jeweiligen Bestände übernommen. Davon sind im Jahr 1997 110 Bände aus Georgien und 2007 10 Bände aus Armenien in die Bibliothek der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) in Potsdam zurückgekehrt. Auch die bedeutende Aquarellsammlung ist heute zum Teil Kriegsverlust, das Erhaltene befindet sich in der Graphischen Sammlung der SPSG. Die umfangreiche Musikaliensammlung schien zunächst ebenfalls verloren, doch kehrten hiervon viele Stücke 1958 aus der Sowjetunion zurück und wurden der heutigen Staatsbibliothek zu Berlin übergeben.

Heute sind vor allem noch die drei Potsdamer Bibliotheken Friedrichs des Großen und ein kleiner Teil der Bibliothek der Königin Luise in der SPSG vorhanden. Diese waren noch im März 1945 in das Kalibergwerk im thüringischen Bernterode ausgelagert worden und somit dem späteren Zugriff der Roten Armee entzogen. Außerdem haben sich wenige einzelne Bücher mit Stempeln der Königlichen Hausbibliothek/Schloßbibliothek in der heutigen Bibliothek der SPSG erhalten.

 

Vortrag am Donnerstag, den 16. November 2017, um 19.00 Uhr im Rathaus Schöneberg.
Moderation: Dr. Guido Hinterkeuser